Schwerpunkt
Pornografie

Das Internet führt auch dazu, dass bereits Kinder pornografische Videos sehen – teilweise sogar ungewollt. Das Smartphone ist allgegenwärtig, ob das eigene oder das von Freund*innen. Pornos sind eines der »krassen« Dinge, die sich Jugendliche häufig sehr früh ansehen – manchmal als Mutprobe in der Clique, häufig aus Neugier, nicht selten aber auch als Erkunden und Ausprobieren von Sachen, mit denen sich Erwachsene beschäftigen. Rund die Hälfte der Jugendlichen berichtet, dass ihr erster Kontakt mit Pornos ungewollt war, weil zum Beispiel auf einer Party oder auf dem Schulhof pornografische Bilder auf dem Handy herumgereicht wurden.

Jugendliche sehen immer früher Pornos

Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit Pornos. Laut einer Studie aus dem Jahr 2016 haben 28 Prozent der befragten 11- bis 12-Jährigen schon mal pornografische Bilder oder Videos gesehen. Bei den 15- bis 16-Jährigen sind es 65 Prozent. Einer Studie der Universitäten Münster und Hohenheim aus dem Jahr 2018 zufolge hat fast die Hälfte der befragten 14- bis 20-Jährigen im Netz schon mal Hardcore-Pornografie gesehen. Zeitschriften, Fernseher und DVDs spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.


Jugendliche sehen jedoch keineswegs regelmäßig Pornos. Die meisten Mädchen finden Pornografie abstoßend. Nur ein Prozent der Mädchen sieht regelmäßig Pornos. Viele Jungen schockieren Pornos dagegen weniger. Sie nutzen Pornos, um etwas zu lernen, und finden sie erregend. Gut ein Drittel klickt »hin und wieder« Pornos an, fast jeder Zehnte nutzt sie regelmäßig, hauptsächlich zum Masturbieren.

Wirkung von Pornos noch nicht ausreichend erforscht

Die heutige Generation entdeckt Sexualität nicht mehr, indem sie körperliche Kontakte Schritt für Schritt ausprobiert, sondern hat schon viele sexuelle Praktiken gesehen, bevor sie selbst Sex hat. Welche Folgen das frühe Betrachten von Pornos für Jugendliche hat, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Auch hier stellt sich insbesondere die Frage, inwieweit Jugendliche zwischen Pornos, in denen Frauen nicht selten unterwürfig sind oder missbraucht werden, und dem tatsächlichen Sexualleben unterscheiden. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen erleben, dass Pornos die Erwartungen an die Sexualität mit einer realen Partner*in prägen können. 


So gab in einer Befragung von Jugendlichen in Großbritannien rund die Hälfte der Jungen und rund 40 Prozent der Mädchen an, dass sie Pornos realistisch fanden. Ein Teil der Jugendlichen ist daran interessiert, das nachzuahmen, was im Porno gesehen wurde. Der Anteil derjenigen, die Sex so praktizieren wollen, wie sie ihn in Pornos gesehen haben, steigt mit dem Alter erheblich an: Bei den 11- bis 12-Jährigen ist es gut ein Fünftel, bei den 13- bis 14-Jährigen sind es 39 Prozent und bei den 15- bis 16-Jährigen schon 42 Prozent. Dieser Nachahmungswunsch hat durchaus reale Folgen. Beispielsweise hat die Erfahrung mit Analverkehr unter Jugendlichen stark zugenommen: Hatten 1990 noch sieben Prozent der jungen Frauen Analverkehr ausprobiert, so sind es heute schon 25 Prozent. Bei jungen Männern stieg der Anteil von drei auf 16 Prozent.

Jüngere Kinder vor Pornos schützen

Jüngere Kinder können pornografische Darstellungen in Bildern und Filmen erschrecken, verstören und verängstigen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern Porno-Webseiten auf dem Smartphone oder dem Computer ihres Kindes sperren. Das schützt Ihr Kind aber nicht davor, dass zum Beispiel auf dem Schulhof oder im Freundeskreis gemeinsam Pornos gesehen werden. Reden Sie deshalb schon mit 10- bis 11-Jährigen darüber, dass es im Internet Bilder und Filme gibt, in denen Menschen miteinander Sex haben. Erklären Sie Ihrem Kind, dass diese Bilder und Filme nur etwas für Erwachsene sind. Zeigen Sie Interesse, mit ihm über seine Erfahrungen zu sprechen, wenn es Pornos gesehen hat. Es hilft auch, selbst davon zu erzählen, wie die eigenen ersten sexuellen Erfahrungen waren. 

Mit Jugendlichen über Pornografie reden

Nicht jedem Erwachsenen fällt es leicht, über Sexualität zu sprechen. Doch Eltern sollten Gespräche über Sexualität nicht einfach den Lehrer*innen überlassen. Eltern können davon berichten, wie sie sich körperliche Nähe und sexuelle Erregung vorstellen. 

Stärken Sie Ihr Kind, insbesondere Mädchen, wenn sie sich von Oral- und Analverkehr abgestoßen fühlen. Scham und Ekel sind keine Empfindungen, die sie übergehen sollten. Erklären Sie, dass Scham vielmehr eine gute Sache ist, ein starkes Gefühl, das jeder kennt. Scham schützt unsere Intimität. Machen Sie Ihrem Kind Mut, auf seine Gefühle zu achten und Liebe und Sexualität mithilfe eigener Empfindungen zu entdecken. 


Sexuelle Praktiken sind sehr unterschiedlich. Für Jungen und Mädchen geht es darum, ihre Sexualität entdecken zu können, die zu ihnen passt. Pornos sind viel zu häufig geprägt von Fantasien männlicher Dominanz und weiblicher Unterwürfigkeit. Dies mag als Rollenspiel von Erwachsenen, in dem beide Partner*innen sich und ihre Grenzen kennen, durchaus eine erregende Praxis sein. Bis dahin sollten Jugendliche jedoch die ganze Vielfalt auch an schüchternen und behutsamen Schritten entdecken können, um selbstbestimmt die eigene Sexualität zu entwickeln. 

TIPP: Webseiten für Jugendliche zur Sexualität

Wenn Ihr Kind nicht mit Ihnen über Pornos sprechen möchte, können Sie es auch auf Informationen dazu im Netz aufmerksam machen. Auf den folgenden Seiten können Jugendliche via Chat Fragen rund um das Thema Sexualität stellen:


www.loveline.de

www.profamilia.sextra.de

www.liebe-lore.de

Verbreiten von Pornografie an Minderjährige ist strafbar

Pornografische Fotos und Videos anschauen ist nicht verboten. Wer jedoch unter 18-Jährigen pornografische Bilder anbietet, überlässt oder zugänglich macht, begeht eine Straftat (§ 184 StGB). Das gilt auch für Jugendliche, die anderen Jugendlichen Pornos oder deren Links weiterleiten. Der Austausch von Pornos zwischen Jugendlichen hat in den vergangenen Jahren zu deutlich mehr Strafverfahren geführt. Auch bei Kindern kam es schon zu polizeilichen Nachfragen. Die Jugendlichen wissen in der Regel nicht, dass sie etwas Verbotenes tun. Besonders kritisch sehen Polizei und Staatsanwaltschaft bei kinderpornografischen Bildern und Videos hin. Eltern sollten spätestens, wenn sie den Verdacht haben, dass ihre Kinder sich auf dem Handy Pornos anschauen, mit ihnen über den dort gezeigten Sex reden und auch klarmachen, dass der Austausch von Pornos sowie deren Links verboten ist.

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Interview mit Tabea Freitag, Psychologische Psychotherapeutin der Fachstelle Mediensucht »return« in Hannover